Helmstedter Theater-Tradition

Am 1. Juni 1927 wurde das Helmstedter Brunnentheater mit Kalmans Operette ‚Gräfin Mariza’ unter der Leitung von Georg Syguda nach drei­jäh­ri­ger Bauzeit fei­er­lich eröff­net. Zwar fehlte an die­sem Tag noch man­ches an der Inneneinrichtung und auch das äußere Erscheinungsbild bot noch nicht den heute gewohn­ten Anblick, aber den­noch über­wog bei den Helmstedtern die Freude, wie­der ein Theater zu haben (vgl. hierzu ‘Ein hoff­nungs­vol­ler Auftakt’ das Helmstedter Kreisblatt vom 2. Juni 1927 zur Eröffnung des Theaters).

Die Anfänge der Helmstedter Theater-Tradition lie­gen aller­dings noch sehr viel wei­ter zurück:

Bereits am 18. Juni 1815 öffnete das vom Wirt des Gesundbrunnens Carl Julius Borcherdt erbaute  Kurtheater im  Brunnental seine Pforten mit dem Lustspiel ‘Die Pagenstreiche’ von Kotzebue, dar­ge­bo­ten von den Mitgliedern des Herzoglichen Hoftheaters in Braunschweig. Und viel­leicht hätte Borcherdt schon einige Jahre vor­her ein Theater bauen las­sen, wenn Helmstedt keine Universitätsstadt gewe­sen wäre. Aber die Universitätsprofessoren betrach­te­ten nun ein­mal ein Theater als ‘Quelle der sitt­li­chen und psy­chi­schen Verderbnis’ und die Landesherren schlos­sen sich die­ser Auffassung an. Auf Veranlassung der Professorenschaft erging am 18. Oktober 1723 ein all­ge­mei­nes Schauspielverbot.

Fahrende Schauspielergruppen konn­ten dem­zu­folge nur in den sel­te­nen Fällen in Helmstedt gas­tie­ren, in denen der Herzog seine aus­drück­li­che Erlaubnis hierzu erteilte.

Erst als Jerome, ein Bruder Napoleons und sei­ner­zeit ers­ter (und ein­zi­ger) König des Königreichs Westfalen, zu dem auch das Herzogtum Braunschweig und damit auch Helmstedt gehörte, Ende 1808 durch ein Dekret das Schauspielverbot auf­hob, began­nen die Vorbereitungen zum Bau eines Theaters in Bad Helmstedt, das dann 1815 eröff­net wer­den konnte.

In den ers­ten Jahrzehnten wurde im Brunnentheater fast aus­schließ­lich leichte Unterhaltung gebo­ten. Nach dem Revolutionsjahr 1848 trat dann eine Ände­rung ein. Neben beschwing­ten ita­lie­ni­schen Spielopern, bur­les­ken Possen mit Gesang und belieb­ten Ballettdarbietungen fan­den damals auch die Aufführungen der Klassiker und ganz beson­ders die der natio­na­len Dichter große Zustimmung beim Helmstedter Publikum. Besondere Akzente setzte die „Braunschweiger Schauspielergruppe“ u.a. mit Lessings ‚Emilia Galotti’. Auch Ensembles aus ande­ren Städten, wie zum Beispiel das ‚Magdeburger Nationaltheater’ gas­tier­ten in Helmstedt mit gro­ßem Erfolg. Erst der erste Weltkrieg setzte dem Helmstedter Theaterleben im Herbst 1914 ein vor­läu­fi­ges Ende.

Der spä­tere Weltstar Oskar Werner 1958 im Brunnentheater

Im Jahr 1919 wurde der Gesundbrunnen in Bad Helmstedt, zu dem wei­ter­hin auch das Theater gehörte, an Max Herbst ver­kauft. Das erste Brunnentheater bestand nun schon über ein Jahrhundert. Wegen sei­ner Fachwerkkonstruktion nann­ten es die Helmstedter lie­be­voll ‚Schapstall’ und die Galerie ‚Heuboden’. Sicherlich nicht ganz zu Unrecht, denn nach­dem Max Herbst das Theater 1924 abrei­ßen ließ, fand es in der Nähe von Sommerschenburg als Feldscheune eine erneute Verwendung. Mit dem vom Thema her bezeich­nen­den Stück ‚Colombinens Tod’ unter der Leitung von Ferry Werner fand im September 1924 die letzte Vorstellung im alten Theater statt.

In den Jahren 1924 bis 1927 wurde das heu­tige Brunnentheater gebaut und – wie ein­gangs erwähnt – am 1. Juni 1927 unter dem Namen ‘Kurtheater Bad Helmstedt’ eröff­net. Neben immer­hin 12 Operetten stan­den 8 Komödien und 13 Schauspiele auf dem ers­ten Sommerspielplan.

Eine erste gründ­li­che Renovierung und Neugestaltung des Theaters war nach dem 2. Weltkrieg 1955 erfor­der­lich. Obwohl Max Herbst noch Eigentümer war, erfolgte diese Renovierung schon durch die Stadt Helmstedt. Nach dem Tod von Max Herbst im Jahr 1956 hat die Stadt Helmstedt ein Jahr spä­ter das Brunnentheater erworben.

In den 50er und 60er Jahren  des letz­ten Jahrhunderts ver­zeich­nete das Theater einen rie­si­gen Aufschwung. Die immer grö­ßer wer­dende Mobilität der Bevölkerung trug dazu bei, dass das Brunnentheater nicht nur auf die Helmstedter son­dern auch auf die Einwohner im Umland eine wach­sende Anziehungskraft aus­übte. In die­ser Zeit wurde das Brunnentheater zum kul­tu­rel­len Mittelpunkt im Helmstedter Gebiet.

Zwischen 1979 und 1982 erfolgte eine wei­tere gründ­li­che Renovierung des Theaters, die u.a. eine Reduzierung der Platzzahl von 836 auf 811 zur Folge hatte. Der Einbau einer neuen Bestuhlung im Jahr 1986, ließ dann die Zahl der Sitzplätze auf die heute noch aktu­elle Zahl von 615 zurückgehen.

Premiere 1957/58 mit "Carmen"

Wieviel Vorstellungen in der lan­gen Helmstedter Theatertradition seit 1815 oder in der 75-jährigen Geschichte des heu­ti­gen Brunnentheaters statt­fan­den, ist lei­der in Ermangelung voll­stän­di­ger Unterlagen nicht mehr zu ermit­teln. Es kann aber gesagt wer­den, dass sich seit 1949 rund 2.800 mal der Vorhang des Brunnentheaters hob. Namhafte Stars wie Hansjörg Felmy, Horst Tappert, Inge Meysel, Freddy Quinn, Pierre Brice, Gunther Emmerlich, Hans-Joachim Kuhlenkampff, Ellen Schwiers, Charles Brauer, Will Quadflieg, Heidi Kabel, Götz George, O. E. Hasse, Erik Ode, Manfred Krug u.v.a. waren bei uns zu Gast und inter­na­tio­nale Musikensembles fei­er­ten hier große Erfolge. Im Fernsehen über­tra­gen wurde die am 18.06.1980 vom NDR im Brunnentheater auf­ge­zeich­nete Oper ‚Der Impressario in Nöten’ von Domenico Cimarosa.

Derzeit fin­den jähr­lich rund 50 Aufführungen im Brunnentheater statt. Dabei liegt die durch­schnitt­li­che Auslastung bei rund 85 %. Auch die bei­den Abo-Reihen, in denen auch zeit­kri­ti­sches Theater und Klassiker ange­bo­ten wer­den, also nicht nur rei­nen Unterhaltungscharakter haben, sind immer­hin zu 69 % (Stand 2009) aus­ge­las­tet. Die jähr­li­chen Besucherzahlen bewe­gen sich zwi­schen 25.000 und 28.000 und zeu­gen davon, dass das Helmstedter Theater nach wie vor unver­zicht­ba­rer Bestandteil des hie­si­gen Kulturlebens ist.

Regelmäßige Kunstausstellungen im Foyer run­den das kul­tu­relle Angebot im Brunnentheater ab und seit 1997 wird das Theater-Cafè mit Platz für 170 Personen als zweite Bühne für mul­ti­kul­tu­relle Veranstaltungen, Kleinkunstprogramme und klei­nere Konzerte genutzt.

Rainer Ammon